Fata Morgana – Das Programm zum 30. Bühnenjubiläum von Carlos Martínez

Im Jubiläumsjahr 2012 lässt der große Mime Carlos Martínez dreißig Bühnenjahre Revue passieren. 1982 trat er erstmals in einem Jugendclub seiner Heimat Barcelona als Pantomime vor Publikum auf; im Repertoire die ersten sechs eigenen Mimenstücke.

Und heute? – Aus dem theaterbegeisterten jungen Mann von damals ist ein Meister seines Fachs geworden, zu dem nicht nur angehende Pantomimen und Schauspieler in die Lehre gehen, sondern auch Manager, Pädagogen und Theologen, die mehr über Körpersprache und nonverbale Kommunikation erfahren wollen. Sechs abendfüllende Programme hat Carlos Martínez seit den Anfängen erarbeitet, ist in über dreißig Ländern aufgetreten und hat in unzähligen Kleintheatern gespielt, in öffentlichen Sälen sowie Kongresszentren mit mehreren Tausend Teilnehmern. Mit seiner zeitlosen Kunst, die ganz auf die Fantasie der Zuschauer setzt, bezaubert der Mime Jung und Alt. Seine Menschlichkeit und sein Humor begeistern und berühren quer durch alle Bildungsschichten. Einige Stücke wie «Die Bushaltestelle» oder «Die Schöpfung» sind zu wahren Klassikern geworden. Carlos Martínez ist Preisträger der Stiftung Bibel und Kultur und hat in verschiedenen Theaterfestivals in Portugal schon zwei Mal den Publikumspreis gewonnen – im Jahr 2004 mit dem Programm «Hand Made» und im Jahr 2009 mit «Bücher ohne Worte».

All die Jahre blieb Carlos Martínez seinem Stil des schwarz gekleideten Mimen mit weiß geschminktem Gesicht und weißen Handschuhen treu. Er liebt die holzschnittartige, minimalistische Ausdrucksform, die auf jegliche Requisiten verzichtet. Die Beschränkung auf Bewegung, Gestik und Mimik erlaubt es ihm, menschliche Charaktere in allen ihren Nuancen herauszuschälen und zu überzeichnen. Während das Schminken und das Abschminken für ihn früher in einer Viertelstunde erledigt waren, nimmt sich der Bühnenprofi heute für das Schminken eine volle Stunde Zeit. Dafür entledigt er sich seiner Schminke am Ende jedes Programms in nur wenigen Sekunden vor den Augen seiner Zuschauer, um zum Abschluss
auch noch ein paar Worte an sie zu richten. Das Schminken ist ihm gleichzeitig Ritual und mentale Vorbereitung auf die Bühne. Inspiriert von dieser geschlossenen Welt in der Garderobe, in der der Mime konzentriert vor seinem Spiegel sitzt, schrieb er 2009 sein erstes Buch «Ungeschminkte Weisheiten», das zunächst auf deutsch, und inzwischen auch auf englisch («From the Dressing Room») und spanisch («Desde el Camerino») erschienen ist. Gefragt nach dem älter werden, meint der Künstler: „Die Kunst wird nicht älter, der Künstler hingegen schon. Interessant ist, dass ein Künstler, je älter er wird, seiner Kunst immer näher kommt. Und das wiederum hält ihn jung.“

Zum dreißigjährigen Bühnenjubiläum wartet Carlos Martínez mit einem neuen Programm «Fata Morgana» auf, das er in Kombination mit den besten Nummern seiner langen Karriere zeigt. Angeregt durch die Diskussionen rund um den Klimawandel und die Wasserknappheit, die in seinem Heimatland Spanien immer schon ein Thema war, nimmt das Stück Bezug auf unser kostbarstes und natürlichstes Gut, das Wasser. Und wie die früheren Programme, überlässt es der Künstler auch in «Fata Morgana» dem Interpretationsspielraum und der Fantasie des Zuschauers, welche Bilder er sich vor Augen malen lässt und welche Schlüsse er daraus ziehen will:

Der Protagonist dieser „Fata Morgana“-Geschichte beschließt, sich auf eine Reise zu begeben. Es dauert nicht lange bis das Abenteuer gefährlich wird und er sich verirrt in der Wüste wiederfindet. Seine Feldflasche ist fast leer. Der Akku seines Handys ebenso, und ein Netz gibt es hier sowieso nicht. Als sein Durst und seine Verlassenheit in der Einöde immer schlimmer werden und ihn ins Delirium treiben, fängt er an zu flüchtige Bilder von Wasser zu halluzionieren: ein Traumbild folgt dem anderen. Das Wasser, bisher so selbstverständlich, erscheint ihm in der Wüste als ein wahres Wunder. Er träumt davon, wie es wäre, einfach den Wasserhahn aufzudrehen, dem Rauschen der Wellen am Strand zu lauschen, das Plätschern eines Brunnens oder das Spülgeräusch einer öffentlichen Toilette zu hören … Der Verdurstende sieht Wasser überall, doch da ist kein Tropfen, den er trinken kann. Wie soll er überleben? Ganz auf sich allein gestellt auf der leeren Bühne muss auch der Mime eine Art Wüste überwinden. Denn die Pantomime selbst ist ja nichts anderes als ein Traumbild, das allein in der Vorstellungskraft des Publikums zum Leben erwacht.

In «Fata Morgana» eröffnet uns Carlos Martínez einmal mehr die Chance, durch Traumbilder unser eigenes Menschsein zu reflektieren und dabei neu zu entdecken.

Dies ist der Beitrag von Carlos Martínez zu den vielen Aktionen, die sich während der „Water for Life“-Dekade (http://www.un.org/waterforlifedecade/ von 2005 bis 2015) abspielen.